Mit Fettsucht gegen den Krieg: Dr.(in) Adipositas Permagna oder:
Wie ich lernte, die Krankheit zu lieben
(Originaltitel: Dr. Adipositas Permagna or:
How I Learned to Stop Sliming and Love the Illness)
How I Learned to Stop Sliming and Love the Illness)

Gestern Morgen wollte mich der Staat zu einem Mörder machen. Das KWEA (formely known as Kommandozentrale für Waffengewalt, Elendsproduktion und Ausrottung) lud mich zum 2. Mal zur Musterung, nachdem ich das 1. Mal aufgrund terminlicher Unzulänglichkeiten beruflicher (Lebens-)Art nicht erscheinen konnte. Vorm KWEA angekommen, mit mich zerreißender Todesangst erfüllt, sollte wohl einer der schlimmsten Tage in meinem Leben anbrechen, welcher jedoch am Ende von mir mit einer selten dagewesenen Rekordzeit von nur einer Stunde und fünfzehn Minuten – nicht souverän – beendet wurde.
Nicht souverän? Ich hab schlecht gehört, missverstanden, gestottert, genuschelt, kaputt ausgesehen, ungepflegt, unrasiert, ungewaschen, durch und durch übermüdet, doofe Rückfragen gestellt, mehrmals die gleichen doofen Rückfragen gestellt, mich verlaufen, Türklinken nicht gefunden, aus Unfähigkeit falsche Antworten gegeben, mich von der Gauleiterärztin beleidigen lassen… und anfangs die Eingangstür nicht gefunden; alles mit der Kraft der totalen Übermüdung und in dem Wissen, dass das musternde Auge der Wehrmacht allgegenwärtig ist.
Dennoch: Ich fühlte mich ziemlich alleine und verloren. Ich hätte am liebsten geweint, tat es aber nicht. (Ich gegen die Disziplinierungsmacht: 0 : 1) Der Maschine gefällt das: Ein Mann kennt keinen Schmerz. Eine gepanzerte Kampfmaschine kennt keine Angst. Ich will aber kein Mann sein und bin auch kein Mann, schon gar kein echter. (Ich gegen die hetero-normative Zweigeschlechtlichkeit: 2 : 0) Was wäre wohl passiert, wenn ich kein Glück gehabt hätte?
„…Dann machst du halt Zivi, ist doch nicht schlimm…“
Von wegen. Kriegsdienst ohne Waffe ist auch ein Kriegsdienst – und dieser beinhaltet immer schon die Komponente der Gewalt. Nur die Form der Ausübung verändert sich. Zudem wurde kürzlich das Gesetz modifiziert und besagt seitdem, dass alles, was nicht ausgemustert ist, bis zum 60. Lebensjahr in den Krieg geschickt werden kann. Mit und ohne Waffe.
Dabei braucht der Großteil der SchlächterInnen von heute gar keine Waffen mehr, wenn sie bspw. die Minen räumen, verwundete SoldatInnen verarzten oder Karten planen, die als Vorlage zur Vernichtung des Lebens dienen. Sie ritzen das Blut in die Landschaft ohne auch nur einen einzigen Abzug angefasst zu haben. Was von ihnen bleibt, sind die Effekte und Wirkungen der Macht, die den Krieg erst existieren lassen und existent machen. Demzufolge ist die ideologische Unterstützung und Akzeptanz des Krieges in unserer heutigen, westlichen Gesellschaft seine mächtigste Waffe. Mensch denke nur an die gewaltigen Anstrengungen seitens der Medien einen Krieg zu machen, die Vorstellung des Tötens zu etablieren, Alltäglichkeit werden zu lassen. Egal, ob nun Irakkrieg, Afghanistankrieg, Kosovokrieg oder der totale Krieg des Faschismus: Existent wird, was vorstellbar ist.
Soviel zur (Zukunfts-)Perspektive der sozialen, militaristischen Hilfskomponente des Kriegsdienstes ohne Waffe.
Bundeswehr abschaffen: Die WehrkraftzersetzerInnen von Morgen sind die Krankheit von Heute

Während manche Stolz nur in affirmativ-nationalen Zusammenhängen und Konstruktionen denken können, war ich selten so stolz ein ausgewiesener Parasit der Volksgesundheit zu sein wie nach der Musterung: meinen Wanst ständig ins Fadenkreuz der Biopolitik haltend und halten müssend. Eine andere Art der Fahnenflucht.
Somit erscheine ich als eine wankende, lebensbejahende Krankheit, die in der Medizin existenziell nicht sein darf und gerade deswegen (lebensbejahend) ist. Wankend, weil ständig der Gefahr ausgesetzt (ontologisch) eliminiert zu werden und (im Sein) lebensbejahend, weil unfähig zur Ausübung des Todes, des Tötens. Ein Frieden der Untauglichkeit.
Ich glaube, hier entsteht eine Möglichkeit des Widerstandes, die bisher nicht so richtig entdeckt, ausgenutzt und gelebt wurde. Totalverweigerung, Desertion bekommt hier eine neue, eine weitere Bedeutung: Der Körper, der bei der Musterung auf seine Kriegsverwendbarkeit untersucht wird, gerät zu einer Gefahr für die Existenz des Krieges. Er ist nicht mehr kriegsverwendbar und flüchtet vor dem Leistungsprinzip der Gesundheit. Unfähig, die verfolgten (wirtschaftlichen) Interessen zu erreichen und sich der Befehlsgewalt zu unterwerfen. Unfähig, sich militärisch (fort-)zu bewegen, seine militärischen Ziele zu treffen und zu kämpfen. Der angestrebte, idealisierte Körper der Kampfmaschine bleibt zurück als kriegerisch unverwertbare Deformation. Seine krankhafte Unfähigkeit bzw. seine Fähigkeit zur Krankheit werden allen kriegerischen Bestrebungen zum Verhängnis.
Das ist der Raum, indem sich ein neues (Selbst-)Verständnis entfalten kann. Eine andere Lesart des Friedens, welchem mensch zukünftig mehr Gewicht geben sollte.
Ich möchte mich abschließend bei der Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär für überlebensnotwendige Informationen und kreativen Widerstand bedanken.
Infos: http://www.kampagne.de/
Interessanter Beitrag. Ich mache gerade meinen Zivildienst. Auch wenn ich Zwangsdienste an und für sich wie du ablehne, kam mir dieser ganz gelegen weil ich mich noch nicht entscheiden kann, auf welche Art und Weise ich danach meine Arbeitskraft verkaufen soll (und er macht tatsächlich sogar Spaß). Aber Respekt dass du das so durchgezogen hast!
Dass sich die eigenen Interessen und Bedürfnisse manchmal mit Zwangsverhältnissen überlagern und einem sogar helfen können, kann durchaus vorkommen. Allerdings ist das hier kein Grund den Zwangsdienst so hinnehmend zu bejahen, wie du das meiner Meinung nach ein wenig tust (mehr oder minder bewusst). Zumal Zivi ja nur bedeutet, dass du Kriegsdienst ohne Waffe machst. Und eines sollte klar sein: Wenn es drauf ankommt, wirst auch du zum Militär geschleppt und darfst beim Töten mithelfen. Um Leben zu vernichten, braucht man nicht unbedingt eine Schusswaffe oder eine Bombe um Menschen direkt zu zerfetzen. So einseitig funktioniert kein Krieg. Logistik, Zustimmung, Kochen, im Lazarett helfen, Uniformen waschen usw. … dazu brauchst du keine Waffe, bist aber Teil der Vernichtungsmaschinerie.
Außerdem: Du könntest auch ganz ohne Zivi-Zwangsdienst einfach etwas anderes machen bevor du „deine Arbeitskraft verkaufst“… Was machst du denn zivimäßig?
Du sagst, es mache dir sogar Spaß. – Gerade hier liegt ja die Genialität im Herrschaftsverhältnis: Es macht dir Spaß – und es soll dir sogar Spaß machen und das muss es auch, weil wenn ein Zwangsdienst kein Spaß macht, könnten Leute wie du und ich ja zunehmend auf die Idee kommen den Zwangsdienst abschaffen zu wollen! Und auf die Idee, dass mensch Dinge tun kann, und zwar ohne Zwangsdienst, die ebenfalls Spaß machen und bei denen es im Hintertürchen kein Zugriff auf dich gibt um die Tötung von Menschen zu unterstützen, soll mensch hingegen gar nicht erst kommen…
Trotzdem würde mich interessieren, was du denn jetzt zivimäßig machst. :-)
Ich mache meinen Zivildienst in einem heilpädagogischen Kindergarten. Und dadurch habe ich halt schon erfahren, dass mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht, was ich mir vorher gar nicht so vorstellen konnte. Aber das hätte ich natürlich auch durch ein Praktikum erfahren können, wär ich halt nur nicht drauf gekommen.
Ja, ich wäre zu einem Kriegsdienst ohne Waffe verpflichtet, aber ich halte es doch für unwahrscheinlich, dass Deutschland in naher Zukunft in einen so schweren militärischen Konflikt verwickelt wird, dass sie wirklich Zivis brauchen die mit der Gulaschkanone an die Front gehen. Sollte es doch passieren, dann muss ich halt schauen wie ich mich dagegen wehren kann, machen würde ich es keinesfalls. Aber wenn es hart auf hart kommt ziehen die doch eh jeden, da mach dir mal keine falschen Hoffnungen ;-)
HEILpädagogik… ohje, ohje. die organisierte zwangsanpassung von der norm nicht entsprechenden menschen. da muss ich doch fragen: hast du dich je mit antipädagogik beschäftigt? ich halte sowas für unbedingt notwendig bei sowas. in meiner linkliste findest du diverse links, die in die thematik so ein bisschen einführen, wenn auch speziell eher mit kindern. aber eine grundsätzliche kritik an pädagogischem denken ist wirklich wichtig um nicht einfach die unterdrückungs- und diskriminierungsmechanismen zu reproduzieren, sondern sich ständig selbst hinterfragen und das eigene scheißdenken und scheißverhalten entlarven und ändern zu können.
du könntest vielleicht auch mal krätzä fragen, ob sie spezielle literaturtipps für dich haben, die sich kritisch mit heilpädagogik beschäftigen… oder vielleicht auch mal heino ehlers und heidi kahleschreiben. die haben da entsprechende erfahrungen mit pädagogischer gewalt. ich selbst kenne die beiden nicht, hab ihnen nie geschrieben, verlinke sie aber schon lange… womit du mich auf die idee bringst den beiden auch mal mitzuteilen, dass ich sie verlinke. das freut sie wahrscheinlich.
Was heißt hier wäre? Du bist es per Gesetz, d.h. wenn du dich weigerst, kannst du schlimmstenfalls ganz legal zu ein paar Jahren Gefängnis verurteilt werden.
*hust* ich weiß ja nicht, wie intensiv du das weltpolitische geschehen verfolgst, aber ich verfolge es so gut ich kann und ich muss dir sagen, dass der militarismus in der welt nicht weniger geworden ist, ganz im gegenteil. besonders deutsches militär ist seit ein paar jahren dabei stark zu expandieren. es bekommt immer mehr geld, es ist an vielen militärischen „interventionen“ (so nennt mensch das beschönigend) beteiligt und selbige werden auch nicht weniger.
keine sorge, ich mache mir da keine falschen hoffnungen. wenn mensch das will, wird der ausnahmezustand ausgerufen und es werden massenhaft leute zwangseingezogen und versucht in den krieg zu schicken, keine frage. aber du übersiehst hierbei, dass wenn eine solch gigantische änderung auf einmal vollzogen werden würde, dass das system nicht unbedingt überlebt, weil der widerstand dagegen zu groß wäre, die gefängnisse eine bundesweite massenverweigerung nicht tragen könnten, eine ausbildung aller auf einmal nicht möglich ist, es dennoch gewisse gesetzliche hürden gäbe das so radikal auf einmal durchzusetzen usw. … entsprechend wird die situation still und schleichend schlechter, es werden nach und nach vereinzelt widerständige leute gebrochen und weggesperrt bzw. eine vielzahl zum töten berufen…
zudem: nicht mal in den usa gibt es eine militärpflicht! die haben dafür eine äußerst aggressive werbekultur – diese gibt es in deutschland so nicht. da hat der staat per gesetz einfach vollen zugriff auf alle als mann geltende menschen – und kann sie so auch noch bestrafen, wenn sie sich dem widersetzen. ich bitte dich! das kann keinesfalls hingenommen werden. deswegen ist eine harsche kritik und widerstand auch hier notwendig. wir sollten nicht meinen, es werde schon von alleine alles gut.
[quote comment=“11″]HEILpädagogik… ohje, ohje. die organisierte zwangsanpassung von der norm nicht entsprechenden menschen.
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Oha, da machst du ja ein Fass auf. Also erstmal finde ich es wichtig zu differenzieren. Ein großer Teil meiner Arbeit dort hat plfegerische Aspekte. Ob das nun beim Essen helfen, Windeln wechseln ist oder aufpassen, dass der Junge um Rollstuhl nicht die Steinstufen runterfährt und sich den Hals bricht. Hinzu kommt natürlich auch, auf die Bedürnisse der Kinder einzugehen, mit ihnen zu spielen, mit ihnen zu kuscheln wenn sie das wollen etc.
Aber natürlich spielt dort auch Erziehung eine Rolle. Wenn ein Kind mit seinem Essen rumschmiert, andere schlägt, Spielzeug über den Zaun wirft, irgendwo raufklettert wo es nicht raufklettern soll etc. wird mit ihm geschimpft bzw. es wird bestraft.
Ich hab mir mal einen der Antipädagogik-Texte durchgelesen und finde den Ansatz durchaus interessant. Allerdings hat das ganze auch ein paar Problematiken. Kinder sind meist noch nicht in der Lage, sich in jemanden anders hineinzuversetzen. Deshalb nehmen sie selten Rücksicht aufeinander oder auf die Erwachsenen. Das geht dann sogar soweit, dass ein Kind von einem anderen mit der Schaufel blutig geschlagen wird. Deshalb finde ich es wichtig, Kindern gewaltlose Konfliktlösung und Rücksichtnahme beizubringen, das ist dann unabhängig davon, in welcher Gesellschaft wir leben. Andere Regeln, feste Strukturen etc. sind natürlich darauf ausgerichtet, dass die Kinder sich dem System anpassen, andererseits ist dies aber auch die einzige Möglichkeit zu erreichen, dass sie in dem System überlebensfähig sind. Deshalb finde ich es eigentlich so schon besser, wenn man sie erstmal erzieht, damit sie im System klarkommen und ihnen dann später die Möglichkeit lässt, sich kritisch mit diesem System auseinanderzusetzen, wie wir beide das z.B. tun. In einer herrschaftslosen Gesellschaft widerum wäre ein Antipädagogik wohl schon eher umsetzbar. Aber das sind jetzt nur meine spontanen Gedanken dazu, weil ich meine Arbeit bisher wenig hinterfragt habe.
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Was heißt hier wäre? Du bist es per Gesetz, d.h. wenn du dich weigerst, kannst du schlimmstenfalls ganz legal zu ein paar Jahren Gefängnis verurteilt werden.
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Ja, ich bin verpflichtet, das „wäre“ bezog sich darauf, dass es ja nicht klar ist, ob jemals in meinem Leben der Fall eintreten wird, dass ich zum Kriegsdienst herangezogen werde
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*hust* ich weiß ja nicht, wie intensiv du das weltpolitische geschehen verfolgst, aber ich verfolge es so gut ich kann und ich muss dir sagen, dass der militarismus in der welt nicht weniger geworden ist, ganz im gegenteil. besonders deutsches militär ist seit ein paar jahren dabei stark zu expandieren. es bekommt immer mehr geld, es ist an vielen militärischen „interventionen“ (so nennt mensch das beschönigend) beteiligt und selbige werden auch nicht weniger.
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Klar, aber heutzutage werden dafür ja viel weniger Soldaten benötigt. Du hast ja selbst die USA als Beispiel genannt, die haben noch viel mehr kriegerische Einsätze und nichtmal Wehrpflicht. Deswegen gehe ich davon aus, dass Deutschland nicht auf eine Heranziehung der Zivis zum Kriegsdienst angewiesen ist. Aber die Zukunft kann mir natürlich auch das Gegenteil beweisen.
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nicht mal in den usa gibt es eine militärpflicht! die haben dafür eine äußerst aggressive werbekultur – diese gibt es in deutschland so nicht. da hat der staat per gesetz einfach vollen zugriff auf alle als mann geltende menschen – und kann sie so auch noch bestrafen, wenn sie sich dem widersetzen. ich bitte dich! das kann keinesfalls hingenommen werden. deswegen ist eine harsche kritik und widerstand auch hier notwendig. wir sollten nicht meinen, es werde schon von alleine alles gut.[/quote]
Ja, meine Motivation für harsche Kritik und Widerstand nimmt mit zunehmender Erfahrung, dass 95% der Leute das alles ganz toll und richtig finden, immer mehr ab und ich ärgere mich eher nach innen. Gestern hat ein 5-Jähriges Kind bei uns die Deutschlandfarben aus Duplosteinen zusammengebaut, da gibt man irgendwann einfach auf ;-)