Anti-Lookism: Für die Etablierung einer Politik des verletzlichen Körpers

Selbstdarstellung mit körperlicher Beeinträchtigung, das inszenierte Zur-Schau-Stellen seiner selbst mit Mal der Scham, kann eine Strategie zur Überwindung des Konformitätsdrucks sein, der diese Scham konstruiert hat, und sie kann eine Strategie sein, einen voyeuristischen – also einen ohne Peinlichkeitsempfindung auf jemandes Scham gerichteten – Blick durch Provokation zurückzuspiegeln.

Ist solche Strategie nun Überwindung von Konventionsgrenzen oder gerade ihre Bestätigung ex negativo? – Möglicherweise ist sie eine Strategie im Zwischenraum: eine Herausforderung zur Überwindung von etwas, das man auch selbst noch nicht hinter sich gelassen hat.

Die in unserem Projekt involvierten Künstler bestreiten jedoch, Absicht auf diese Art von Provokation zu haben. In der Tat ist diese Provokation in der Spätmoderne als ästhetisches Programm uninteressant geworden, und in der Mediengesellschaft läuft sie als politische Strategie ins Leere: „Provokation ist was für Dumme”, pflegte Christoph Schlingensief während der Aktion Deutschlandsuche (1999) zu sagen. „Was ich will, ist Selbstprovokation”. Für die Partei Chance 2000 entwarf er eine Theorie, die auch für die hier anvisierten ästhetischen Interventionen in Stigmatisierungsprozesse Erklärungswert hat:

Die Öffentlichkeit ist besetzt von Gewerkschaften, Kirchen, Medien und Parteien, die eine Realität eigener Art, fern der Wirklichkeit schaffen, kurz: dem System 1; alles, was wirklich ist, die wirklichen Menschen, zum Beispiel die Arbeitslosen oder die Behinderten oder du und ich, das System 2 also, kommen in ihr nicht vor. Die Frage ist nun: Wie können sie wieder sichtbar werden, ohne dass das System 1 sie schluckt?

Wie kann, so könnte man auch fragen, die menschliche Wirklichkeit hervortreten, welche entlang der Achse normal-stigmatisiert charakteristische Kommunikationsverschiebungen und Wahrnehmungsverzerrungen erfährt? Wie kann die Wirklichkeit des verletzlichen Körpers sichtbar werden, ohne aufgrund der extremen Dichotomisierung des Bildrepertoires sofort auf die irreführenden Schienen entweder der Idealisierung in Richtung Perfektion oder der Abjektifizierung in Richtung Versehrtheit verschoben zu werden?

aus: Benjamin Marius Schmidt und Gesa Ziemer: Verletzbare Orte. Zur Ästhetik anderer Körper auf der Bühne

Dies ist nur eine klitzekleine Stelle aus der sehr lesenswerten Publikation von Schmidt und Ziemer, die mit ihrem Bühnenprojekt „Verletzbare Orte“ (1,9 MB, PDF) einen meiner Meinung nach sehr guten Ansatz für eine Körperpolitik zeichnen, den ich hier auf keinen Fall unerwähnt lassen möchte, da er das gewisse Potenzial besitzt, den heutigen gewalt- und herrschaftsförmigen Diskurs der Körper auf eine grundlegende Weise zu hinterfragen. So eröffnet sich einer_/m eben seine entlarvte Unhaltbarkeit in der Bestrebung nach einem weitestgehend gewaltfreien Zusammenleben.

„Verletzbare Orte“ stellt zudem einige der dringend nötigen Fragen, die zukünftig eine immer größere Rolle in einer Diskussion um widerständige Praxen und gesellschaftliche Veränderung spielen werden und gar müssen, wenn mensch in der unaufhörlichen Weiterentwicklung der Ideen nicht stehen bleiben und zum zeitlich überkommenen Konservatismus werden möchte, der nicht in der Lage ist, sich seiner eigenen Gewaltförmigkeit und der Verantwortung dafür bewusst zu werden.

Wem die 50 Seiten nicht genug sind und so wie ich Lust auf noch wesentlich mehr hat, dem sei die ganze, dazugehörige Dissertation Gesa Ziemers ans Herz gelegt, die mit einem ähnlichen Titel und glatt 200 Seiten mehr aufwartet: „Verletzbare Orte. Entwurf einer praktischen Ästhetik“ (3,1 MB, PDF)
Und ja, ich habe die Dissertation noch nicht gelesen, habe aber trotzdem keine Bedenken sie zu empfehlen, da ich allein beim groben Überfliegen diverse Freudenausbrüche hatte. Ich hoffe, dass ich zukünftig damit nicht alleine bleibe.


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